Führung wird komplexer – aber worauf kommt es wirklich an?
Künstliche Intelligenz, Transformation, hybride Zusammenarbeit, steigende Erwartungen von Mitarbeitenden und gleichzeitig hoher Leistungsdruck: Führungskräfte bewegen sich heute in einem Spannungsfeld, das komplexer geworden ist als je zuvor.
Viele wissen sehr genau, was eigentlich notwendig wäre. Ein Gespräch führen. Ein Problem ansprechen. Sich Zeit für Reflexion nehmen. Auf Warnsignale im Team achten. Und trotzdem bleibt genau das im Alltag häufig liegen.
Gleichzeitig wächst in vielen Unternehmen die Erkenntnis, dass gute Führung nicht allein an Ergebnissen gemessen werden kann. Denn langfristige Leistungsfähigkeit entsteht dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen können, Vertrauen erleben und auch in Phasen hoher Belastung handlungsfähig bleiben.
Doch was bedeutet eigentlich „Healthy Leadership“? Handelt es sich um einen weiteren Management-Trend? Bedeutet gesunde Führung, weniger Leistung zu verlangen? Oder geht es vielmehr darum, die Voraussetzungen für nachhaltige Leistungsfähigkeit zu schaffen?
Fragen die sich auch unsere Kollegin Tina Pantke stellte und das Gespräch mit Liane Dannenberg-Schütte suchte.
Im Interview spricht sie über Selbstführung, Wahrnehmung, schwierige Gespräche, die Auswirkungen von KI auf Führung – und darüber, warum gute Führung oft mit etwas sehr Einfachem beginnt: aufmerksam werden und den Kontakt zu Menschen suchen.
Interview mit Liane Dannenberg-Schütte

Liane Dannenberg-Schütte

Tina Pantke (Prokuristin 360°)
Frau Dannenberg-Schütte, starten wir ganz kurz: Wer sind Sie, was machen Sie und was treibt Sie dabei an?
Ich komme ursprünglich aus dem therapeutischen Kontext und war zunächst als Gestaltpsychotherapeutin tätig. Von dort bin ich in die Organisationsentwicklung gegangen und schließlich auch als Trainerin in die Führungskräfteentwicklung.
Heute arbeite ich mit Führungskräften auf ganz unterschiedlichen Ebenen von Organisationen. Das mache ich sehr gerne, weil an Führung unglaublich viel hängt: Wie gut können Mitarbeitende ihre Fähigkeiten und Themen einbringen? Wie entwickelt sich eine Organisation weiter? Und welche Impulse werden aus den Teams wieder zurück in die Organisation getragen?
Führungskräfte in ihrer Entwicklung zu unterstützen, ist deshalb seit vielen Jahren ein Schwerpunkt meiner Arbeit.
Was beobachten Sie gerade in Unternehmen? Warum ist Healthy Leadership heute so relevant?
Führungskräfte befinden sich heute in einem enormen Spannungsfeld. Sie kümmern sich um ihre Mitarbeitenden, müssen Ergebnisse erreichen und gleichzeitig mit permanenten Veränderungen umgehen.
Nach der Digitalisierung kommt beispielsweise gerade das große Thema KI hinzu. Organisationen müssen sich fragen: Wie nutzen wir diese Möglichkeiten? Wie stellen wir Datenschutz sicher? Wie verändert KI unsere Arbeit und möglicherweise sogar Führung?
Ich erlebe immer wieder, dass Führungskräfte dadurch regelrecht ins Hecheln kommen.
Eigentlich wissen viele sehr genau:
„Da müsste ich ein Gespräch führen. Dafür müsste ich mir mehr Zeit nehmen. Das müsste ich ansprechen. Oder ich müsste gerade besser für mich selbst sorgen.“
Aber genau diese Dinge kommen oft zu kurz.
„Viele Führungskräfte wissen eigentlich, was nötig wäre. Im Alltag fällt es trotzdem hinten runter.“
Healthy Leadership soll deshalb nicht noch mehr auf die To-do-Liste packen, sondern die Wahrnehmung dafür stärken, was gerade wirklich relevant ist und wo ich als Führungskraft konkret Einfluss nehmen kann.
Was gehört für Sie konkret zu Healthy Leadership?
Wir betrachten fünf Bereiche.
Der erste ist die Selbstführung: Wie führe ich mich eigentlich selbst? Wie sorge ich für mich und meine eigenen Ressourcen?
Danach richtet sich der Blick auf die Mitarbeitenden: Wie nehme ich Menschen bewusst wahr und erkenne frühzeitig Veränderungen oder Überlastung?
Der dritte Bereich ist Kommunikation. Gerade bei schwierigen Themen erleben wir häufig, dass Führungskräfte zwar wissen, dass sie etwas ansprechen müssen, aber nicht genau wissen, wie sie gleichzeitig klar und wertschätzend bleiben können.
Dann schauen wir auf Strukturen und Prozesse. Denn gesunde Zusammenarbeit hängt nicht nur von einzelnen Menschen ab. Unklare Rollen, Verantwortlichkeiten oder Prozesse können Teams enorm belasten.
Und schließlich geht es um Veränderung: Wie können Führungskräfte Change so gestalten und kommunizieren, dass Menschen dabei mitgenommen werden?
Uns ist dabei wichtig, nicht nur theoretisch darüber zu sprechen. Wir arbeiten mit Übungen, Wahrnehmungsimpulsen, Simulationen und konkreten Fällen. Zusätzlich gehört ein individuelles Coaching zum Programm, damit jede Führungskraft ein Thema, das für sie persönlich besonders relevant geworden ist, noch einmal vertiefen kann.
Wir erleben bei uns im 360° viele Teams. Eine Aussage eines Geschäftsführers ist mir besonders im Kopf geblieben: „Ich habe das Gefühl, ich habe den Zugang zu meinen Leuten verloren.“ Woran kann ich als Führungskraft erkennen, dass jemand an seine Grenzen kommt – vielleicht bevor die Person selbst darüber spricht?
Ganz wichtig ist zunächst die eigene Wahrnehmung – und durchaus auch das Bauchgefühl.
Wenn mir etwas auffällt und ich denke:„Das ist ungewöhnlich“, sollte ich dem nachgehen.
Ein Mitarbeiter, der sonst sehr zuverlässig ist, vergisst plötzlich wiederholt Kleinigkeiten. Jemand reagiert ungewohnt gereizt. Eine Person zieht sich über mehrere Meetings hinweg zurück oder wirkt anders als sonst.
Das bedeutet nicht, dass eine Führungskraft hellsehen oder sofort wissen muss, was dahintersteckt.
Der entscheidende Schritt ist, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen: auf die Person zugehen, die Beobachtung schildern und fragen:
„Wie geht es dir eigentlich gerade?“
Und dann wirklich zuhören.
„Führungskräfte haben oft gelernt zu erklären und zu argumentieren. Was vielen schwerer fällt, ist zu fragen und zuzuhören.“
Gerade dadurch kann vieles angesprochen werden, bevor aus einer Belastung ein größeres Problem wird.
Ich habe vor Kurzem ein spannendes Vorurteil gehört: Gesund führen bedeutet, weniger Leistung zu verlangen. Stimmt das?
Nein – eher umgekehrt.
Ich arbeite auch als Mediatorin und erlebe häufig Situationen, in denen Leistung bereits abgenommen hat, weil sich Spannungen aufgebaut haben: ungeklärte Konflikte, Sorgen, unklare Rollen oder schwierige Strukturen.
Wenn dagegen Prozesse, Rollen und Kommunikation klar sind und Zusammenarbeit wertschätzend funktioniert, kann die Leistungsfähigkeit deutlich höher sein.
Im besten Fall sind Mitarbeitende außerdem in Visionen und Ziele eingebunden und können mitgestalten, wie diese Ziele erreicht werden. Dadurch entsteht Eigenmotivation.
„Gesunde Führung heißt nicht weniger Leistung. Gute Rahmenbedingungen ermöglichen oft überhaupt erst mehr Leistung.“
Führungskräfte müssen dann nicht permanent hinterherlaufen und kontrollieren, sondern schaffen einen Rahmen, in dem Menschen Verantwortung übernehmen können.
Sie begleiten Führungskräfte schon sehr lange. Wenn Sie zurückblicken: Was hat sich in Führung positiv verändert?
Was ich sehr positiv finde: Führungskräfteentwicklung ist viel selbstverständlicher geworden.
Auch Coaching oder Unterstützung in Konfliktsituationen haben an Normalität gewonnen. Probleme werden nicht mehr überall so lange verdrängt, bis eine Klärung kaum noch möglich ist.
In vielen Organisationen werden Menschen heute bereits beim Einstieg in ihre erste Führungsrolle begleitet. Das ist wichtig, denn Führung ist eine eigene Aufgabe – und etwas anderes als die Fachkompetenz, die jemand vielleicht über viele Jahre entwickelt hat.
Gleichzeitig sehe ich, dass sich Organisationen teilweise von klassischen Pyramidenstrukturen lösen und Mitarbeitende sowie Teams stärker empowern und agiler werden.
Das ist auch notwendig. Märkte verändern sich schnell, Kundenanforderungen verändern sich und Organisationen brauchen Kreativität und Beweglichkeit.
Dadurch ist Führung allerdings auch vielschichtiger und komplexer geworden.
Die Kunst besteht deshalb darin, diese Komplexität zunächst wahrzunehmen – und sie anschließend wieder zu reduzieren:
Was ist jetzt mein nächster sinnvoller Schritt?
Und zum Abschluss unseres Interviews: Morgen ist alles weg. Keine Präsentationen, keine Bücher, keine Unterlagen, keine Word-Dokumente. Sie haben nur noch Ihre Erfahrung und ein weißes Blatt Papier. Welche drei Dinge würden Sie Führungskräften darauf hinterlassen?
Das Erste wäre für mich ganz klar: Kontakt herstellen. Damit beginnt sehr vieles.
Das Zweite: Optionen betrachten. Nicht nur überlegen: Machen wir A oder B? Es gibt meistens viel mehr Möglichkeiten. Und es lohnt sich, auch deren Auswirkungen und Wechselwirkungen anzuschauen.
Und das Dritte wäre: in gute Kommunikationsprozesse gehen. Mit den Menschen sprechen, die betroffen sind. Gemeinsam besprechen: Wo wollen wir eigentlich hin? Welche Ideen gibt es? Wie können wir Menschen mitnehmen?
Natürlich braucht es irgendwann einen Plan, Strukturen und Prozesse. Aber genauso wichtig ist es, dies zu kommunizieren und die Menschen einzubeziehen.
„Wenn alles andere weg ist, bleiben vielleicht genau diese drei Dinge: Kontakt. Möglichkeiten. Kommunikation.“
Was wir aus dem Gespräch mitnehmen
Healthy Leadership wirkt auf den ersten Blick wie ein moderner Führungsbegriff. Im Gespräch mit Liane Dannenberg-Schütte wird jedoch deutlich, dass sich dahinter etwas sehr Grundsätzliches verbirgt.
Nicht die nächste Methode. Nicht das nächste Framework.
Sondern die Fähigkeit, aufmerksam zu bleiben. Menschen wahrzunehmen. Probleme frühzeitig anzusprechen. Gute Rahmenbedingungen zu schaffen und trotz wachsender Komplexität handlungsfähig zu bleiben.
Vielleicht liegt darin auch die wichtigste Erkenntnis dieses Interviews:
Gesunde Führung bedeutet nicht, weniger Leistung zu erwarten.
Gesunde Führung bedeutet, Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen langfristig leistungsfähig bleiben können.
Hilfreiche Reflexionsfragen für Führungskräfte
Welches Gespräch schiebe ich aktuell vor mir her?
Bei welchem Teammitglied habe ich zuletzt eine Veränderung wahrgenommen, ohne nachzufragen?
Wo entstehen in meinem Team Belastungen durch unklare Rollen oder Prozesse?
Nehme ich mir bewusst Zeit für Selbstführung – oder reagiere ich nur noch auf das Tagesgeschäft?
Was wäre mein nächster sinnvoller Schritt?

